Es braucht mehr Künstler in Grossraumbüros

Das älteste Buch auf meinem Regal.

Als jemand der viele Bücher kauft, werde ich manchmal gefragt, wieso ich keinen E-Reader besitze.

«Ist doch viel praktischer: leicht, klein, tausende Bücher gespeichert und die sind erst noch günstiger!»

Das mag so sein, aber für mich ist ein Buch mehr als nur sein Inhalt. Wie es sich anfühlt, der Umschlag, der Geruch, das Papier, die Gestaltung, all das spielt eine nicht unwesentliche Rolle dabei, ob mir ein Buch als ganzes gefällt.

Und irgendwie spielt für mich das Ganze auch in diese Diskussion rund um Reizüberflutung ein. Es ist ja nicht die Reizüberflutung per se, die uns Mühe macht, sondern ihr einseitiges Erscheinen in digitaler Form. Es brummt und blinkt und surrt und schnurrt und piepst und klingelt aus allen Hosen-, Jacken-, Hand- und Ärmeltaschen.

Weil man in der heutigen Zeit diesen Reizen nicht gänzlich ausweichen kann, propagiere ich eine andere Strategie: Man muss sich einfach genügend anderen Reizen aussetzen. Sozusagen als Ausgleich.

Im Grossraumbüro sind digitale Reize, neben den klassischen Menschgemachten, wohl die Einzigen, denen man begegnet. Was fehlt, sind andere Reize, die Geist und Körper stimulieren.

Mein Arbeitsort in Brasilien befand sich im gleichen Gebäude, wie die Produktion, die Logistik, das Foto- und Designstudio, der IT und allen anderen benötigten Funktionen. Man kam so nicht nur schnell ins Gespräch mit Leuten aus anderen Bereichen (#interdisziplinär), sondern war halt auch all den Gerüchen und Geräuschen dieser Bereiche ausgesetzt.

Anstelle von störend, empfand ich dies als inspirierend. Es durchbrach den Einheitsbrei an Reizen, dem ich in so manchem Grossraumbüro ausgesetzt war und bin.

In dem ganzen Gerede um Co-Working und modernen Arbeitsplätzen fehlt mir diese Erkenntnis. Wie schön wäre es, wenn anstelle eines weiteren «Mood-Boards», einer Playstation Ecke, oder eines Designerstuhls, ein plastischer Künstler, eine Uhrwerkerin, ein Keramiker, oder eine Sattlerin (wie heissen Leute, die mit Leder etwas schönes kreieren?) am Tisch gegenüber arbeiten würde?

Solange das noch Zukunftsmusik ist, kann ich auch empfehlen, sich einen Platz in einem Gemeinschaftsatelier zu sichern. So kann man sich wenigstens an seinem Homeoffice Tag diesen kreativitäts- und gemütsfördernden Reizen aussetzen.

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